Tiergestützte Intervention im echten Leben

Sind Mensch und Hund ein richtiges Team, d. h. sie nehmen die Bedürfnisse des anderen wahr und gehen darauf ein, reagieren auf kleinste Verhaltensänderungen, kommunizieren relativ reibungsfrei miteinander, finden außenstehende Menschen den Zweibeiner des Teams gleich sympathisch. Sie gestehen ihr oder ihm von vornherein Empathie zu, Verständnis und Einfühlungsvermögen. Und wenn in der Ausbildung zum Therapiebegleithunde-Team gut darauf geachtet wurde, dass der Umgang mit dem Hund gewaltfrei ist und vor allem mögliche Abbruchsignale positiv und subtil trainiert wurden, überträgt sich diese freudige, friedliche Stimmung sofort auf alle Beteiligten. Ein kleines Beispiel dazu. In unserer Ausbildung erläutere ich, dass ein „Nein“ als Abbruchsignal im Einsatz nicht verwendet werden sollte. Wir arbeiten grundsätzlich nicht damit, oft sind die Hunde jedoch schon älter und trainierten in der Vergangenheit anders oder besuchten gar keine Hundeschule. Das Konzept, ein Verhalten nicht einfach mit einem „Nein“ zu unterbrechen, sondern andere Lösungsmöglichkeiten zu finden, müssen auch die Zweibeiner erst lernen. Dafür haben sie natürlich Zeit. Haben sie das N-Wort in der Vergangenheit sehr oft angewandt, braucht das Umlernen länger. Der Einsatz wird so geplant, dass Mensch und Hund kein unerwünschtes Verhalten zeigen können. Wir verwenden keine Verbote dem Hund gegenüber, da es zu einer Stimmungsübertragung kommen kann. Eine positive Grundstimmung kann kippen. So ist es auch dem Frauchen eines Australian Shepherd Rüden ergangen. Sie arbeitete als Sonderpädagogin an einer Inklusionsschule. Ihr rutschte im Einsatz ein einziges Mal ein Nein heraus. Den Rest der Sitzung wurde der Hund von einem Mädchen mit Trisomie 21 ständig getadelt. Solch eine Situation hält uns vor Augen, welch große Vorbildwirkung wir haben!

Bild: Anja Landler

Weniger ist oft mehr! Einsätze dürfen nicht zu lange dauern. Sowohl eine Überforderung des Hundes, als auch der des Klienten oder Patienten soll vermieden werden. Dazu muss die Hundehalterin oder der Hundehalter die Vorzeichen bei Mensch und Hund gut beobachten und erkennen. Ein gutes Beispiel für die enorme Wirksamkeit von kurzen, intensiven Einsätzen ist der Besuch unserer jungen Golden Retriever Hündin im Pflegeheim. Sie will so sehr gefallen, dass diese zu Stress bei ihr führen kann. Ihr Frauchen arbeitet in der Pflegeleitung und gemeinsam betreuen sie demenzkranke Patientinnen. Anfangs dauerte ein Einsatz nur drei Minuten. Dem Hund beim Herumtragen des Stofftieres zusehen, ein paar Leckerchen vom Löffel geben und nicht selbst essen. Den Hund berühren. Das reicht fürs Erste und muss erstmal verarbeitet werden! Durch den achtsamen Umgang der Halterin konnten so die Konzentrationsfähigkeit und Wahrnehmung der Demenzpatientin erhöht werden. Die Einsätze dauern auch heute nur einige Minuten.

In Österreich dürfen durch die Regelung des Bundesbehindertengesetztes nur ausgebildete Hunde eingesetzt werden. Experten diskutieren, ob es vernünftiger ist, ausgebildete oder grundsätzlich nicht ausgebildete Hunde für die tiergestützte Intervention heranzuziehen. Dabei sollten sie sich meiner Meinung nach noch folgende Frage stellen: Wie wird der Hund überhaupt ausgebildet und was sind die Ausbildungsziele? Ein Hund, der im Einsatz ständig unter Signal steht wird vermutlich nicht sehr viel in die Sitzung einbringen können. Der Vierbeiner soll und muss Emotionen zeigen dürfen, durch sein Verhalten Reaktionen beim Klienten oder Patienten auslösen. Wenn also Hund und Klient oder Patient in einem gewissen Rahmen, unter einer gewissen Anleitung frei interagieren dürfen, erzielen wir die besten Ergebnisse. Ein Beispiel dazu. Ich war mit meiner Landseer Hündin in einer Schule für schwerstbehinderte Kinder im Einsatz. Sie kannte die Kinder und die Räumlichkeiten bereits. Als wir den Raum mit drei Schülern betraten schnüffelte sie am Spielzeug der Kinder und erkundete den Raum. Länger als sonst. Ein autistischer Junge saß in der Mitte des Raumes und zwei weitere Kinder lagen auf den Trampolinen in den Ecken der Räume. Es kam, scheinbar, keine Reaktion von dem Jungen und auch nicht von meiner Hündin. Dennoch schritt ich nicht ein, sondern machte mit meinem Ritual weiter. Ich legte den Rucksack ab, richtete das Wasser her und packte die Spielzeuge aus. Meine Hunde dürfen sich im Einsatz aussuchen, womit sie gerne arbeiten. Erst nach mehreren Minuten wendete sich meine Hündin an den Jungen. Beide brauchten an diesem Tag Zeit, um die Nähe zuzulassen. Der Betreuerin musste ich die Situation erst erklären. In ihrer Vorstellung sollte der Hund eine Art Programm machen. Der Junge öffnete sich meiner Hündin in diesem Einsatz so, dass er sogar sein Essen mit ihr teilte und am Ende lagen beide auf einer Matratze und verarbeiteten das Geschehene. Ich hatte in diesen knapp dreißig Minuten nicht viel zu tun. Ich beobachtete Mensch und Hund, bestätigte meine Hündin in den richtigen Momenten und lieferte zur abschließenden Entspannung den Kauartikel.

Im Gegensatz zum vorigen Beispiel können manche Einsätze nur durch eine klare Strukturierung und vordefinierte Rituale wirksam stattfinden. Die schwarze Retriever-Mischlingshündin besucht wöchentlich mit ihrem Frauchen einen Schlaganfallpatienten im Rollstuhl im Pflegeheim. Durch seine eigene Immobilität lebt er auf, wenn sich der Hund bewegt. Die apportierfreudige Hündin holt ihm einige Male den gefüllten Futterdummy. Es kostet ihm sichtbar Mühe, den Reißverschluss des Dummys zu öffnen und er wirft das Futter, damit sie sich wieder bewegt. Danach ist es für den Patienten ganz wichtig, den Hund bürsten zur dürfen. Ein paar Stücke Futter vom Löffel und danach eine gemeinsame Runde durch das Haus, wo allen der Hund präsentiert wird. Das ist ein üblicher Ablauf. Kleine Abweichungen sind ok, zu neue Aktivitäten oder starke Änderungen im Ablauf würden so viel Energie kosten, dass der Einsatz nach wenigen Minuten beendet werden müsste.

Das Vertrauen zu einem Hund kann nicht nur über Füttern und Streicheln hergestellt werden. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist unser Beagle-Clown. Die junge Hündin ist gerne in Bewegung und leistet im Einsatz mit den Kindern der Schule für Schwerstbehinderte großartige Arbeit. Das Team hat u.a. die Aufgabe, den Kindern einen angstfreien und wertschätzenden Umgang mit Hunden beizubringen. Die Beagle-Hündin könnte dabei genauso gut im Zirkus auftreten. Sie macht viele Tricks und Kunststücke und vermittelt durch ihr vertrauenserweckendes Aussehen, die großen, weichen Ohren und ihre geringe Körpergröße sofort Sympathie bei den Kindern. Bei all ihrer Aktivität ist sie dennoch geduldig und sichtbar bemüht, das zu machen, was die Kinder von ihr wollen. Was bei Menschen mit Beeinträchtigung nicht immer so leicht zu erkennen ist!

Kontrovers diskutiert wird das Thema, ob Hunde im Einsatz den Menschen ablecken dürfen oder nicht. Wie bei so vielen Dingen gibt es hier auch keine klare ja- oder nein-Antwort. Grundsätzlich gilt: Ist der Mensch oder der Hund damit nicht einverstanden, machen wir es nicht. Den Hund also mittels aufbringen von Leberwurst oder ähnlichem zum Schlecken zu bewegen ist unangebracht. Genauso sollte der Hund das Schlecken unterbrechen, wenn der Mensch es nicht mag. Ein sensibler Hund wird dies von sich aus tun. Schleckt er weiter, kann dies ein Stresszeichen sein. Ein Beispiel für die Sozialkompetenz unserer Hunde und die Wirkung vom Abschlecken bietet uns der Landseer Rüde mit seinem Frauchen im Pflegeheim. Die Halterin ist in der Pflege tätig und setzt den Hund bei den Demenzpatientinnen und –patienten ein. Der Rüde schleckt gerne im Stress, was anfangs eine Sorge der Halterin war. Die Sorge war unbegründet, denn im Einsatz macht er dies nur, wenn die Patientin oder der Patient dies auch mag. Er konnte damit schon einige positive Reaktionen von nicht ansprechbaren Patient(inn)en hervorlocken!

Pfotenfische: Wenn Therapiebegleithunde ins Wasser gehen
Wassertherapiebegleithunde sind Therapiebegleithunde, die eine Zusatzqualifikation erworben haben. Der Hund muss mindestens eine Schulterhöhe von 45 cm haben, gerne und gut schwimmen können und körperlich absolut fit sein. In der Ausbildung steht die Kontrollierbarkeit des Hundes am und im Wasser im Vordergrund. Dies ist besonders herausfordernd, da bekanntermaßen das Wasser das Erregungslevel des Hundes steigen lässt. Viele Elemente aus der Wasserrettungshunde-Ausbildung werden für das Training der Wassertherapiebegleithunde verwendet. So lernt der Hund ruhig über kurze und mittellange Strecken neben dem Boot oder Menschen zu schwimmen. Er soll auf Signal Sprünge vom Ufer, Steg und Boot aus ins Wasser absolvieren. Das Apportieren diverser Gegenstände aus dem Wasser gehört genauso zum Ausbildungsprogramm wie das Ziehen von Menschen an Land. Wenn der Hund von sich aus taucht wird auch dies in das tiergestützte Setting miteinbezogen.

Die möglichen Einsatzgebiete von Wassertherapiebegleithunden sind umfangreich. So können Kinder mit Hilfe der Vierbeiner schwimmen lernen, Menschen mit Angst vor Wasser oder vor tiefem Wasser diese Angst überwinden. Menschen, ob Kind oder Erwachsener, die sonst schwer zu Bewegung motiviert werden können blühen durch die Anwesenheit der Pfotenfische sichtbar auf. Menschen mit Behinderungen profitieren meist schon von der Wassertherapie und in Kombination mit dem Hund können Elemente aus der Delphintherapie mit dem Hund in heimischer Umgebung durchgeführt werden. Auch blinde Menschen können von dem Einsatz des Hundes im Wasser profitieren. Menschen in physiotherapeutischer Behandlung können in einer Zusatzanwendung im Wasser mit Hilfe des Hundes zur Bewegung motiviert werden. Für mobile Senioren kann der Ausflug an den Strand mit einem Besuch des Hundes und gemeinsamer Aktivität noch ein Gesprächsthema über Tage oder Wochen sein. Auch weniger mobile Menschen können durch den agilen, schwimmenden und laufenden Hund an der Bewegung Freude finden und zumindest in ihrem möglichen Rahmen, wenn es auch nur das Mitdenken ist, aktiviert werden. Letztendlich macht es allen tierfreundlichen Menschen Spaß mit dem Hund im und am Wasser aktiv zu werden.

Der Hund vermittelt im Setting ein Sicherheitsgefühl. Menschen entspannen nachweislich in Beisein eines Vierbeiners und die Fähigkeit diese Entspannung aufrecht zu erhalten wird während des Einsatzes gefördert. Gleichgewicht und Koordinationsfähigkeit des Menschen können spielerisch optimiert werden. Bewegung bis hin zur sportlichen Aktivität wird nicht als anstrengend empfunden und kann helfen Hemmungen gegenüber Bewegungen oder Sport abzubauen. Hunde werten weder beim Aussehen noch beim sozialen Status und können so Menschen mit körperlichen Behinderungen oder übergewichtige Menschen unterstützen. Ganz nebenbei fördert die gemeinsame angeleitete Zeit am und im Wasser die Konzentrationsfähigkeit und bringt Freude und Abwechslung.

Ausblick – Tiergestützte Intervention in ein paar Jahren
Die bewusste, geplante tiergestützte Intervention ist noch sehr jung. Sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Praxis lernen wir die Möglichkeiten erst richtig kennen, müssen die Potentiale erforschen. Wir vereinen dabei viele Zweige der Human- und Pflegewissenschaften, Sozialarbeit, Pädagogik, Psychologie, Verhaltensbiologie und Anthrozoologie, die Wissenschaft rund um die Mensch-Tier-Beziehung.

Vielleicht interessieren Sie sich auf für ein Angebot eines Therapiebegleithunde-Teams oder wollen selbst als ein solches arbeiten? Informieren Sie sich und werden Sie aktiv! Jeder neue Einsatz und jedes neue Team trägt zur Weiterentwicklung des Berufsbildes, der Aufgaben und Möglichkeiten bei.