Tiergestützte Intervention im echten Leben

Sind Mensch und Hund ein richtiges Team, d. h. sie nehmen die Bedürfnisse des anderen wahr und gehen darauf ein, reagieren auf kleinste Verhaltensänderungen, kommunizieren relativ reibungsfrei miteinander, finden außenstehende Menschen den Zweibeiner des Teams gleich sympathisch. Sie gestehen ihr oder ihm von vornherein Empathie zu, Verständnis und Einfühlungsvermögen. Und wenn in der Ausbildung zum Therapiebegleithunde-Team gut darauf geachtet wurde, dass der Umgang mit dem Hund gewaltfrei ist und vor allem mögliche Abbruchsignale positiv und subtil trainiert wurden, überträgt sich diese freudige, friedliche Stimmung sofort auf alle Beteiligten. Ein kleines Beispiel dazu. In unserer Ausbildung erläutere ich, dass ein „Nein“ als Abbruchsignal im Einsatz nicht verwendet werden sollte. Wir arbeiten grundsätzlich nicht damit, oft sind die Hunde jedoch schon älter und trainierten in der Vergangenheit anders oder besuchten gar keine Hundeschule. Das Konzept, ein Verhalten nicht einfach mit einem „Nein“ zu unterbrechen, sondern andere Lösungsmöglichkeiten zu finden, müssen auch die Zweibeiner erst lernen. Dafür haben sie natürlich Zeit. Haben sie das N-Wort in der Vergangenheit sehr oft angewandt, braucht das Umlernen länger. Der Einsatz wird so geplant, dass Mensch und Hund kein unerwünschtes Verhalten zeigen können. Wir verwenden keine Verbote dem Hund gegenüber, da es zu einer Stimmungsübertragung kommen kann. Eine positive Grundstimmung kann kippen. So ist es auch dem Frauchen eines Australian Shepherd Rüden ergangen. Sie arbeitete als Sonderpädagogin an einer Inklusionsschule. Ihr rutschte im Einsatz ein einziges Mal ein Nein heraus. Den Rest der Sitzung wurde der Hund von einem Mädchen mit Trisomie 21 ständig getadelt. Solch eine Situation hält uns vor Augen, welch große Vorbildwirkung wir haben!

Bild: Anja Landler

Weniger ist oft mehr! Einsätze dürfen nicht zu lange dauern. Sowohl eine Überforderung des Hundes, als auch der des Klienten oder Patienten soll vermieden werden. Dazu muss die Hundehalterin oder der Hundehalter die Vorzeichen bei Mensch und Hund gut beobachten und erkennen. Ein gutes Beispiel für die enorme Wirksamkeit von kurzen, intensiven Einsätzen ist der Besuch unserer jungen Golden Retriever Hündin im Pflegeheim. Sie will so sehr gefallen, dass diese zu Stress bei ihr führen kann. Ihr Frauchen arbeitet in der Pflegeleitung und gemeinsam betreuen sie demenzkranke Patientinnen. Anfangs dauerte ein Einsatz nur drei Minuten. Dem Hund beim Herumtragen des Stofftieres zusehen, ein paar Leckerchen vom Löffel geben und nicht selbst essen. Den Hund berühren. Das reicht fürs Erste und muss erstmal verarbeitet werden! Durch den achtsamen Umgang der Halterin konnten so die Konzentrationsfähigkeit und Wahrnehmung der Demenzpatientin erhöht werden. Die Einsätze dauern auch heute nur einige Minuten.

In Österreich dürfen durch die Regelung des Bundesbehindertengesetztes nur ausgebildete Hunde eingesetzt werden. Experten diskutieren, ob es vernünftiger ist, ausgebildete oder grundsätzlich nicht ausgebildete Hunde für die tiergestützte Intervention heranzuziehen. Dabei sollten sie sich meiner Meinung nach noch folgende Frage stellen: Wie wird der Hund überhaupt ausgebildet und was sind die Ausbildungsziele? Ein Hund, der im Einsatz ständig unter Signal steht wird vermutlich nicht sehr viel in die Sitzung einbringen können. Der Vierbeiner soll und muss Emotionen zeigen dürfen, durch sein Verhalten Reaktionen beim Klienten oder Patienten auslösen. Wenn also Hund und Klient oder Patient in einem gewissen Rahmen, unter einer gewissen Anleitung frei interagieren dürfen, erzielen wir die besten Ergebnisse. Ein Beispiel dazu. Ich war mit meiner Landseer Hündin in einer Schule für schwerstbehinderte Kinder im Einsatz. Sie kannte die Kinder und die Räumlichkeiten bereits. Als wir den Raum mit drei Schülern betraten schnüffelte sie am Spielzeug der Kinder und erkundete den Raum. Länger als sonst. Ein autistischer Junge saß in der Mitte des Raumes und zwei weitere Kinder lagen auf den Trampolinen in den Ecken der Räume. Es kam, scheinbar, keine Reaktion von dem Jungen und auch nicht von meiner Hündin. Dennoch schritt ich nicht ein, sondern machte mit meinem Ritual weiter. Ich legte den Rucksack ab, richtete das Wasser her und packte die Spielzeuge aus. Meine Hunde dürfen sich im Einsatz aussuchen, womit sie gerne arbeiten. Erst nach mehreren Minuten wendete sich meine Hündin an den Jungen. Beide brauchten an diesem Tag Zeit, um die Nähe zuzulassen. Der Betreuerin musste ich die Situation erst erklären. In ihrer Vorstellung sollte der Hund eine Art Programm machen. Der Junge öffnete sich meiner Hündin in diesem Einsatz so, dass er sogar sein Essen mit ihr teilte und am Ende lagen beide auf einer Matratze und verarbeiteten das Geschehene. Ich hatte in diesen knapp dreißig Minuten nicht viel zu tun. Ich beobachtete Mensch und Hund, bestätigte meine Hündin in den richtigen Momenten und lieferte zur abschließenden Entspannung den Kauartikel.

Im Gegensatz zum vorigen Beispiel können manche Einsätze nur durch eine klare Strukturierung und vordefinierte Rituale wirksam stattfinden. Die schwarze Retriever-Mischlingshündin besucht wöchentlich mit ihrem Frauchen einen Schlaganfallpatienten im Rollstuhl im Pflegeheim. Durch seine eigene Immobilität lebt er auf, wenn sich der Hund bewegt. Die apportierfreudige Hündin holt ihm einige Male den gefüllten Futterdummy. Es kostet ihm sichtbar Mühe, den Reißverschluss des Dummys zu öffnen und er wirft das Futter, damit sie sich wieder bewegt. Danach ist es für den Patienten ganz wichtig, den Hund bürsten zur dürfen. Ein paar Stücke Futter vom Löffel und danach eine gemeinsame Runde durch das Haus, wo allen der Hund präsentiert wird. Das ist ein üblicher Ablauf. Kleine Abweichungen sind ok, zu neue Aktivitäten oder starke Änderungen im Ablauf würden so viel Energie kosten, dass der Einsatz nach wenigen Minuten beendet werden müsste.

Das Vertrauen zu einem Hund kann nicht nur über Füttern und Streicheln hergestellt werden. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist unser Beagle-Clown. Die junge Hündin ist gerne in Bewegung und leistet im Einsatz mit den Kindern der Schule für Schwerstbehinderte großartige Arbeit. Das Team hat u.a. die Aufgabe, den Kindern einen angstfreien und wertschätzenden Umgang mit Hunden beizubringen. Die Beagle-Hündin könnte dabei genauso gut im Zirkus auftreten. Sie macht viele Tricks und Kunststücke und vermittelt durch ihr vertrauenserweckendes Aussehen, die großen, weichen Ohren und ihre geringe Körpergröße sofort Sympathie bei den Kindern. Bei all ihrer Aktivität ist sie dennoch geduldig und sichtbar bemüht, das zu machen, was die Kinder von ihr wollen. Was bei Menschen mit Beeinträchtigung nicht immer so leicht zu erkennen ist!

Kontrovers diskutiert wird das Thema, ob Hunde im Einsatz den Menschen ablecken dürfen oder nicht. Wie bei so vielen Dingen gibt es hier auch keine klare ja- oder nein-Antwort. Grundsätzlich gilt: Ist der Mensch oder der Hund damit nicht einverstanden, machen wir es nicht. Den Hund also mittels aufbringen von Leberwurst oder ähnlichem zum Schlecken zu bewegen ist unangebracht. Genauso sollte der Hund das Schlecken unterbrechen, wenn der Mensch es nicht mag. Ein sensibler Hund wird dies von sich aus tun. Schleckt er weiter, kann dies ein Stresszeichen sein. Ein Beispiel für die Sozialkompetenz unserer Hunde und die Wirkung vom Abschlecken bietet uns der Landseer Rüde mit seinem Frauchen im Pflegeheim. Die Halterin ist in der Pflege tätig und setzt den Hund bei den Demenzpatientinnen und –patienten ein. Der Rüde schleckt gerne im Stress, was anfangs eine Sorge der Halterin war. Die Sorge war unbegründet, denn im Einsatz macht er dies nur, wenn die Patientin oder der Patient dies auch mag. Er konnte damit schon einige positive Reaktionen von nicht ansprechbaren Patient(inn)en hervorlocken!

Pfotenfische: Wenn Therapiebegleithunde ins Wasser gehen
Wassertherapiebegleithunde sind Therapiebegleithunde, die eine Zusatzqualifikation erworben haben. Der Hund muss mindestens eine Schulterhöhe von 45 cm haben, gerne und gut schwimmen können und körperlich absolut fit sein. In der Ausbildung steht die Kontrollierbarkeit des Hundes am und im Wasser im Vordergrund. Dies ist besonders herausfordernd, da bekanntermaßen das Wasser das Erregungslevel des Hundes steigen lässt. Viele Elemente aus der Wasserrettungshunde-Ausbildung werden für das Training der Wassertherapiebegleithunde verwendet. So lernt der Hund ruhig über kurze und mittellange Strecken neben dem Boot oder Menschen zu schwimmen. Er soll auf Signal Sprünge vom Ufer, Steg und Boot aus ins Wasser absolvieren. Das Apportieren diverser Gegenstände aus dem Wasser gehört genauso zum Ausbildungsprogramm wie das Ziehen von Menschen an Land. Wenn der Hund von sich aus taucht wird auch dies in das tiergestützte Setting miteinbezogen.

Die möglichen Einsatzgebiete von Wassertherapiebegleithunden sind umfangreich. So können Kinder mit Hilfe der Vierbeiner schwimmen lernen, Menschen mit Angst vor Wasser oder vor tiefem Wasser diese Angst überwinden. Menschen, ob Kind oder Erwachsener, die sonst schwer zu Bewegung motiviert werden können blühen durch die Anwesenheit der Pfotenfische sichtbar auf. Menschen mit Behinderungen profitieren meist schon von der Wassertherapie und in Kombination mit dem Hund können Elemente aus der Delphintherapie mit dem Hund in heimischer Umgebung durchgeführt werden. Auch blinde Menschen können von dem Einsatz des Hundes im Wasser profitieren. Menschen in physiotherapeutischer Behandlung können in einer Zusatzanwendung im Wasser mit Hilfe des Hundes zur Bewegung motiviert werden. Für mobile Senioren kann der Ausflug an den Strand mit einem Besuch des Hundes und gemeinsamer Aktivität noch ein Gesprächsthema über Tage oder Wochen sein. Auch weniger mobile Menschen können durch den agilen, schwimmenden und laufenden Hund an der Bewegung Freude finden und zumindest in ihrem möglichen Rahmen, wenn es auch nur das Mitdenken ist, aktiviert werden. Letztendlich macht es allen tierfreundlichen Menschen Spaß mit dem Hund im und am Wasser aktiv zu werden.

Der Hund vermittelt im Setting ein Sicherheitsgefühl. Menschen entspannen nachweislich in Beisein eines Vierbeiners und die Fähigkeit diese Entspannung aufrecht zu erhalten wird während des Einsatzes gefördert. Gleichgewicht und Koordinationsfähigkeit des Menschen können spielerisch optimiert werden. Bewegung bis hin zur sportlichen Aktivität wird nicht als anstrengend empfunden und kann helfen Hemmungen gegenüber Bewegungen oder Sport abzubauen. Hunde werten weder beim Aussehen noch beim sozialen Status und können so Menschen mit körperlichen Behinderungen oder übergewichtige Menschen unterstützen. Ganz nebenbei fördert die gemeinsame angeleitete Zeit am und im Wasser die Konzentrationsfähigkeit und bringt Freude und Abwechslung.

Ausblick – Tiergestützte Intervention in ein paar Jahren
Die bewusste, geplante tiergestützte Intervention ist noch sehr jung. Sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Praxis lernen wir die Möglichkeiten erst richtig kennen, müssen die Potentiale erforschen. Wir vereinen dabei viele Zweige der Human- und Pflegewissenschaften, Sozialarbeit, Pädagogik, Psychologie, Verhaltensbiologie und Anthrozoologie, die Wissenschaft rund um die Mensch-Tier-Beziehung.

Vielleicht interessieren Sie sich auf für ein Angebot eines Therapiebegleithunde-Teams oder wollen selbst als ein solches arbeiten? Informieren Sie sich und werden Sie aktiv! Jeder neue Einsatz und jedes neue Team trägt zur Weiterentwicklung des Berufsbildes, der Aufgaben und Möglichkeiten bei.

Auswahl, Ausbildung und Prüfung, Einsatzbereiche

Die Rolle des Halters im Mensch-Hunde-Team
Die tiergestützte Intervention ist immer Teamarbeit. Halterin oder Halter und Tier sollten eine möglichst reibungsarme Kommunikation haben. Der verantwortliche Zweibeiner sollte einen abgeschlossenen Beruf und Berufserfahrung im therapeutischen, pädagogischen, sozialen, beratenden oder betreuenden Umfeld haben. Ist man also im beruflichen oder ehrenamtlichen Umgang mit dem jeweiligen Menschen einigermaßen sicher, kann man sich über den Hund als therapeutisches Medium Gedanken machen. Empathie, Achtsamkeit, Geduld und Lernfreude sind hilfreiche Eigenschaften, wenn man den Weg zum Therapiebegleithunde-Team gehen will.

Teambildung – Wie finde ich einen passenden Hund?
Es gibt mehrere Wege, wie man ein geprüftes Therapiebegleithunde-Team wird. In jedem Fall begleitet die Trainerin oder der Trainer Sie in einem Teamwerdungsprozess. Eine tiergestützte Intervention ist nur erfolgreich, wenn Halterin oder Halter und Hund als echtes Team agieren.

Im Idealfall sucht man sich den Hund aus, in dem man die Mutterhündin und auch den Vater der Welpen gut kennen lernt. Wenn die vierbeinigen Eltern den Kontakt mit Menschen mögen und man einen Eindruck der Lernfähigkeiten gewinnt, kann man sich ein vages Bild über deren Nachkommen machen. Es gibt natürlich keine Garantie, dass die Welpen genauso werden wie ihre Eltern. Es kann jedoch eine Entscheidungshilfe sein.

Hat man sich für einen Hundetyp und Wurf entschieden, ist natürlich auf die Aufzuchtbedingungen zu achten. Eine reizlose Aufzucht ist ebenso hinderlich wie ein gut gemeintes Überfordern der Welpen.

Egal ob Sie sich für einen Welpen entscheiden, oder vielleicht einen älteren Hund aus dem Tierschutz übernehmen. Nach Einzug des Hundes sollte, wie bei jedem anderen Hund auch, genug Zeit für die Eingewöhnung eingeplant werden.

Im Hundetraining sollten Sie sich für eine Hundeschule entscheiden, die ihren Schwerpunkt auf die Umweltsicherheit der Hunde legt. Die meisten Ausbildungsstätten für Therapiebegleithunde bieten diese Kurse an. Es macht also Sinn, sich gleich dorthin zu orientieren. Auf einem bröckelnden Fundament steht kein Haus! Die Basis für die Alltagssicherheit des Hundes und ein harmonisches Zusammenleben sollten bereits vorhanden sein, bevor der Hund das erste Mal überprüft wird.

Die erste Überprüfung findet mit frühestens 12 Monaten statt. Hierbei geht es um die Eignung von Mensch und Hund zur konkreten Ausbildung zum Therapiebegleithunde-Team. Ist das Team geeignet, dauert die Ausbildung ca. ein Jahr. Der Mensch lernt die Grundlagen des Ausdrucks- und Lernverhaltens, des Stress- und Gesundheitsmanagements des Hundes, der tiergestützten Intervention und die rechtlichen Grundlagen. Er lernt, was tiergestützte Intervention bedeutet, er lernt Therapieziele zu definieren, zu dokumentieren und die Einsätze samt Vor- und Nachbereitungen zu planen. Alle Zweibeiner müssen eine gewisse Anzahl von Beobachtungseinsätzen machen. D. h. sie gehen mit ausgebildeten Teams mit und beobachten die Sitzungen, um Ideen für die eigene Praxis zu sammeln. Darauf aufbauend folgt eine intensive Praxiszeit mit der Festigung der Alltagssicherheit und Grundlagen der tiergestützten Maßnahmen. Im Anschluss werden die Einsätze in Rollenspielen geübt und danach geht es in den assistierten Einsatz in verschiedene Bereiche. Die assistierten Einsätze sind in Österreich gesetzlich für die Ausbildung vorgeschrieben. Es müssen „Mindestens 8 Assistenzeinsätze in den letzten 6 Monaten vor Prüfantritt in mind. 2 versch. Institutionen mit mind. 2 versch. Einsatzgebieten…“ nachgewiesen werden.

Der Hund wird veterinärmedizinisch auf Eignung untersucht und darf anschließend zur 2. Überprüfung antreten. Da in Österreich die Therapiebegleithunde, deren Ausbildung, Überprüfungen und Einsätze durch das Bundesbehindertengesetz geregelt sind, werden die Teams von Sachverständigen gemäß der Richtlinien des Sozialministeriums geprüft und offiziell gelistet. Diese bestandene Prüfung befähigt das Team, selbständig in den Einsatz zu gehen. Insgesamt dauert die Grundausbildung also mindestens 24 Monate. Zur Aufrechterhaltung des Zertifikates und damit der Einsatzfähigkeit muss jedes Team jährlich zur Nachkontrolle durch die Sachverständigen geprüft werden. Dies ist eine wichtige Maßnahme, die eine veterinärmedizinische und Verhaltensüberprüfung beinhaltet.

Einsatzbereiche – vom Altenbereich bis zur Zahnarztangst

Therapiebegleithunde können in fast allen Bereichen eingesetzt werden. Sofern man den richtigen Hund für die jeweilige Aufgabe findet.

Mit dem Kinderpsychotherapeuten Boris M. Levinson begann in den 1960er Jahren die Entwicklung der tiergestützten Therapie. Er entdeckte, dass er mit Hilfe seines Hundes Zugang zu Kindern bekam, die er sonst nicht erreichte. Sie wurden durch die Anwesenheit seines Hundes ansprechbar. Im psychologischen, psychiatrischen Umfeld ist der Einsatz von Hunden bereits etabliert. Alleine die Anwesenheit reicht oft schon aus, damit die Therapeutin oder der Therapeut einen Zugang zum Patienten findet.

Auch in der Pädagogik sind Hunde wunderbare Helfer. Vom Kindergarten bis zur mittleren Reife werden sie sehr gerne für spezielle pädagogische, sozialintegrative Maßnahmen, zur Bewegungsförderung u.v.m. eingesetzt. Hunde können unterstützen, ein stressfreies Umfeld und damit eine gute Umgebung zum Lernen zu schaffen. Sie können in fast jede Form der Sozialarbeit integriert werden. Da sie zur Bewegung motivieren, können sie auch sehr gut zur Gesundheitsprävention eingesetzt werden. Und selbstverständlich sind Therapiebegleithunde aktive und lebendige Helfer, um Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, das Thema Tierschutz näher zu bringen.

Die Naturpädagogik beginnt mit der immer stärkeren Urbanisierung eine größere Rolle einzunehmen. Der Hund wird gerne als Bindeglied zur Natur genutzt. Vor allem Kinder finden so einen leichten Zugang zu diesen Themen.

In einigen Formen der manuellen Therapie, Physio- und Ergotherapie etc. kann der Hund zur Motivation eingesetzt werden. Körperliche Anstrengungen werden mitunter bei der Anwesenheit des Therapiebegleithundes nicht als solche empfunden.

Im Senioren- und Pflegebereich bringt der Besuch des Therapiebegleithunde-Teams neben der Abwechslung jede Menge Anregung, Förderung der Motorik und Lebensfreude und Gesprächsstoff für die nächsten Tage.

Der Einsatz von Hunden im Schwerstbehindertenbereich muss gut durchdacht und geplant werden. Nicht jeder Hund, und auch nicht jeder Mensch, ist dafür geeignet. Ist das Verhalten des Klienten oder Patienten völlig unkalkulierbar, darf kein Einsatz mit dem Hund geplant werden. Geht kein Risiko vom Menschen für den Hund aus, können diese Sitzungen sehr bereichernd für alle Beteiligten sein.

Auch im Businessbereich können Hunde zur Unterstützung eingesetzt werden. Unternehmensberater/innen können ausgebildete Hunde sehr gut zur Analyse bestehender Themen einbeziehen. In einem Coaching können Therapiebegleithunde unterstützen und begleiten.

Welche Hunde sind für diesen Beruf geeignet?

Das Feld der Hundeberufe wuchs und veränderte sich in den letzten Jahrzehnten. Aus einigen älteren Hundeberufen wurden Sportarten. Wieder andere werden in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr gebraucht. Und einige neue Berufe für unsere Vierbeiner wurden gefunden bzw. klar definiert. So auch der Therapiebegleithund. Umgangssprachlich wird er auch Therapiehund genannt.

Was machen “Therapiehunde” eigentlich?

Bilder: Anja Landler

Mit Therapiehund wird im Allgemeinen ein ausgebildeter und geprüfter Hund bezeichnet, der mit seiner Halterin oder seinem Halter für eine begrenzte Zeit in der tiergestützten Intervention eingesetzt wird. Der Hund soll durch seine Anwesenheit und Interaktion mit dem Menschen als Teil eines therapeutischen Konzepts eine positive Auswirkung auf die physische und psychische Gesundheit haben.

Hunde alleine stellen noch keine Therapie dar. Sie fungieren in der tiergestützten Therapie als ideale Begleiter. Daher kommt auch der Begriff „Therapiebegleithund“. Der Begriff „Therapie“ kann ebenso irreführend sein. In den meisten Fällen beinhaltet er sowohl therapeutische, als auch pädagogische, psychologische, sozialintegrative oder andere betreuende, begleitende oder beratende Maßnahmen. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation gehören z. B. auch zum Aufgabengebiet des Therapiebegleithunde-Teams. Sie können Menschen mit kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Einschränkungen und Verhaltensstörungen begleiten. Dies alles fasst man unter dem Begriff tiergestützte Intervention zusammen. Die Hundehalterin oder der Hundehalter setzt ihren oder seinen Therapiebegleithund also für die tiergestützte Intervention in verschiedenen Bereichen ein.

Ein Therapiebegleithund arbeitet mit seiner Halterin oder mit seinem Halter nur für eine kurze, dafür intensive, Zeit bis zu zwei Mal die Woche mit einem Menschen oder mit einer Kleingruppe. In seiner Freizeit ist er ein ganz normaler Hund.

Welche Hunde sind als Therapiehunde geeignet?

Therapiebegleithunde sind ganz normale Hunde
Sie haben bestimmt schon einiges über Therapiebegleithunde gelesen oder gehört. Und es gibt auch viele Vorurteile gegenüber dieser Ausbildung bzw. dem Einsatz dieser Hunde. Was steckt tatsächlich dahinter?

„Therapiebegleithunde sind doch die armen Hunde, die sich alles gefallen lassen müssen, oder?“
Oder: „Mein Hund lässt sich von meinen Kindern alles gefallen. Die können ihn an den Ohren ziehen und auf ihm reiten und er macht nichts. Der wäre doch gut als Therapiebegleithund geeignet, oder?“ Nein! Therapiebegleithunde sind Lebewesen. Und sie haben ein Recht dazu, auch einmal „nein“ zu sagen. Ein ausgebildeter und geprüfter Hund wird dies auf eine höfliche Art und Weise machen. Und was noch wichtiger ist: Seine Halterin oder sein Halter wird sofort merken, wenn ihm etwas unangenehm ist und ihm in oder aus der Situation helfen. Die Halterin oder der Halter sind geschult eine Sitzung so zu gestalten, dass weder bei Mensch noch Tier zu viel Frust oder Stress aufkommen und vor allem niemandem Angst oder Schmerzen zugefügt werden. Auch wenn der Nutzen für den Menschen sehr groß ist, sobald der Hund Schaden nehmen könnte, ist die hundegestützte Intervention nicht die richtige Therapieform. Es gibt eine Vielzahl von anderen therapeutischen, pädagogischen oder betreuenden Maßnahmen, die in diesem Fall sinnvoller sind.

„Therapiebegleithunde sind doch Hunde, die keine Angst haben dürfen, oder?“ Nein! Angst ist biologisch sinnvoll. Die Verhaltensreaktion auf einen angstauslösenden Reiz ist für uns in diesem Zusammenhang interessant. Ein Therapiebegleithund zeigt eine Verhaltensreaktion in einem bestimmten Rahmen. Würde eine Gehhilfe umfallen und der Hund meidet diesen Platz tagelang, wäre dies erstens ein Zeichen für ein nötiges Verhaltenstraining. Und zweitens einer genaueren Betrachtung wert. Was passiert, wenn der Mensch den Hund in einer solchen Situation unterstützt? Kann er dann besser damit umgehen? Kann die Angst leicht gelöst werden? Sie sehen also, auch diese Fragen sind nicht eindeutig zu beantworten. Würde der Hund jedoch bei einer umfallenden Gehhilfe panisch flüchten, ist er vermutlich nicht für den Einsatz in der Therapie geeignet. Fällt die Gehhilfe um und der Hund weicht zurück, ist dies im normalen Rahmen. Die Gehhilfe kann als Beispiel durch jedes andere Szenario, das im Einsatz denkbar ist, ausgetauscht werden: Der vorbeifahrende Rollstuhl, der schreiende Klient, klappernde Hilfsmittel für die Pflege, quietschende Kinder, gestikulierende Menschen usw. Die Hunde sollten mit ungewohnten Geräuschen und neuen Situationen souverän umgehen können. Darum überprüfen wir die Hunde nicht nur vor, sondern auch während der Ausbildung und vor allem während des Einsatzes findet eine jährliche Kontrolle statt.

„Therapiebegleithunde, das sind doch die Streichelhunde, oder?“
Nicht unbedingt! Wenn Sie das Wort Therapiebegleithund hören, was kommt Ihnen in den Sinn? Vermutlich ein mittelgroßer, heller, kuscheliger Hund, der von Kindern, älteren Menschen, Menschen im Rollstuhl oder Menschen mit Beeinträchtigung gestreichelt wird. Das Bild ist richtig! Es ist jedoch nur ein winzig kleiner Teil unserer Arbeit. Therapiebegleithunde sollten die Berührung von Menschen natürlich genießen. Ansonsten wäre dies nicht der richtige Beruf für sie. Stundenlanges Streicheln oder Kuscheln müssen sie nicht dulden. Auch das Kontaktliegen dürfen sich unsere Hunde aussuchen. Wenn es für den Menschen in Ordnung ist, dürfen sich unsere Hunde zu ihm legen. Wenn sie dies freiwillig anbieten. Und beide, sowohl Mensch als auch Hund, dürfen den Kontakt jederzeit wieder beenden. Für uns ist es sehr wichtig, dass alle Beteiligten freiwillig und mit Freude dabei sind und aufeinander achten. Im Übrigen ist der Beruf des Therapiebegleithundes an keine Rasse, Größe und kein Aussehen geknüpft!

„Der Hund hat mich als ich an Ihrem Grundstück vorbeiging angebellt. Der darf doch kein Therapiebegleithund sein, oder?“
oder „Ihr Hund knurrt meinen Hund an, das dürfen Therapiebegleithunde doch nicht!“ Ein Therapiebegleithund ist und bleibt ein normaler Hund. Und darf und soll hündisches Ausdrucksverhalten zeigen. Der richtige Umgang des Menschen mit dem Verhalten des Hundes spielt eine wesentliche Rolle. Der Mensch sollte das Ausdrucksverhalten von Hunden richtig beobachten und interpretieren können. Und wissen, wann und wie er eingreift und wann eben auch nicht!

Der Unterschied zum Assistenzhund

Oft erzählen mir Eltern von beeinträchtigten Kindern: „Ich habe mir auch schon überlegt, für meine Tochter/meinen Sohn einen Therapiebegleithund auszubilden!“ Meist in dem Glauben, dass der Hund in der Familie lebt und ihre Tochter/ihren Sohn unterstützt. Therapiebegleithunde werden jedoch nicht für das Zusammenleben mit einzelnen Menschen ausgebildet. Dafür ist die Hundeberufsgruppe der Assistenzhunde zuständig.

Assistenzhunde sind z. B. Blindenführhunde, Assistenzhund für einen Menschen mit Diabetes/Epilepsie/ PTBS/Autismus,einen blinden Menschen,einen Menschen mit Hörbeeinträchtigung, einen Menschen mit motorischer Beeinträchtigung, u. v. m.. Ein Therapiebegleithund ist ein Besuchshund, der seine Halterin oder seinen Halter in einer therapeutischen Maßnahme unterstützt. Ein Assistenzhund lebt mit einem bestimmten Menschen zusammen und ist speziell für diesen ausgebildet.